Eine Österreichische Schule des Managements?

Gibt es eine Österreichische Schule des Managements? Nein, bisher gibt es z. B. nur eine sogenannte „Österreichische Schule der Nationalökonomie“ – international auch als „the Austrians“ bezeichnet. Einer der Gründer war der Österreicher Friedrich August v. Hayek …

Aber – wenn man genau hinschaut – dann haben einige Wirtschaftswissenschaftler mit österreichischen Wurzeln so etwas wie ein gemeinsamen Ansatz teils sogar in direktem Bezug aufeinander entwickelt.

Die vier Vordenker

Joseph Alois Schumpeter (1883-1950)

Österr. Ökonom und Theoretiker des „Unternehmergeistes“: Innovation und „kreative Zerstörung“ der Unternehmerpersönlichkeit bringen die Wirtschaft nach vorn.

Joseph Alois Schumpeter wurde 1883 in Mähren geboren. Sein umfangreiches Werk galt – neben der für das 20. Jahrhundert und auch für Hayek und Drucker typischen Auseinandersetzung um Kapitalismus oder Sozialismus – der Erklärung wirtschaftlicher Entwicklung. Schumpeter studierte und promovierte zunächst in Rechtswissenschaft in Wien. 1907 habilitierte er in Nationalökonomie. 1911 wurde er als jüngster Professor Österreich-Ungarns an die Karl-Franzens-Universität Graz berufen. 1921 verließ er die Universität, um Präsident einer Bankgesellschaft zu werden. Die Wirtschaftskrise 1923 führte aber dazu, dass er Amt und Position verlor und an der Universität Bonn in den Universitätsbetriebe zurückkehrte.

Unternehmer sind Beweger

In Bonn und anschließen in Harvard entwickelte Schumpeter in den 30er Jahren dann die Grundlagen seiner „Unternehmertheorie“: Der initiative Unternehmer sei der Garant eines Wettbewerbskapitalismus, der sowohl einem oligopolistischen als auch einer staatswirtschaftlichen Stillstand entgegenstehe. Der Unternehmer als dynamisches Element ist die Variable, die die wirtschaftliche und konjunkturelle Entwicklung vorantreibe.

Ebenso wie Hayek betont also Schumpeter die Ungleichgewichte als treibende Faktoren der Wirtschaftsentwicklung. Der schöpferische Unternehmer rufe diese sogar durch sein Handeln hervor und verursache die „kreative Zerstörung“ überlebter Strukturen und Märkte. Insofern lehnte Schumpeter – wie Hayek – auch jede Form von Gleichgewichtsmodellen des Marktes der klassischen Nationalökonomie ab.

Nicht der Markt, sondern Unternehmer sind Innovatoren

Der Unternehmer schaffe durch Re-Kombination von Produktionsfaktoren neue Güter und neue Qualität von Gütern, neue Produktionsmethoden, neue Absatzmärkte etc. Nachahmer, die auch von den Gewinnen des „Pionierunternehmers“ (Schumpeter) profitieren wollen, treiben durch Wettbewerbsintensivierung und Preisverfall immer wieder Innovatoren in erneute Innovation.

Für das Leitbetriebe Institut liegt die Bedeutung von Schumpeter in der Betonung der Rolle des Unternehmers:

„Nach Schumpeter ist es die unternehmerische Persönlichkeit, die Wirtschaft treibt. Schumpeter versteht den Unternehmer jedoch nicht als Präzisionsmaschine, sondern als fast besessenen Querdenker oder Künstler, also einen koordinierenden und managenden Andersdenker. Damit hat Schumpeter ein weiteres Fundament für eine Österreichische Schule des Managements gelegt.“

(Peter Haric)

Friedrich August v. Hayek (1899-1992)

Begründer der österr. Schule der Nationalökonomie – Wegbereiter der heutigen Evolutionsökonomik- Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung ist der Unternehmer.

Friedrich August von Hayek lebte von Geburt 1899 bis 1931 in Wien. Biologie und Evolutionstheorie interessierten den Jungen. Der Student entschied sich für Rechtswissenschaft mit Kursen in Volkswirtschaft und Psychologie. Hayek promovierte in Rechtswissenschaft (1921) und Volkswirtschaft (1923) und leitete anschließend mit dem Nationalökonomen Ludwig von Mises das Österreichische Institut für Konjunkturforschung, das heute als Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) eine herausragende Bedeutung nicht nur in der österreichischen volkswirtschaftlichen Analyse hat, sondern für den deutschsprachigen Raum insgesamt.

Hayeks Frühwerk ist geprägt von der Auseinandersetzung mit den vor 1939 stark diskutierten Ansätzen gelenkter Wirtschaft à la Keynes oder planwirtschaftlichen Ansätzen der Sowjetunion, aber auch von „weißen Sozialisten“ wie Henry Ford und Walter Rathenau.

Auch die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland – das Erfolgsmodell „soziale Marktwirtschaft“ von Röpke und Erhard – geht auf Hayek zurück, wenngleich dieser den aus seiner Sicht nicht sinnstiftenden Zusatz „sozial“ kritisierte und in den 70er Jahren vor interventionistischen Tendenzen der deutschen Wirtschaftspolitik warnte.

Für seine Fundierung der modernen Marktwirtschaft erhielt der seit 1962 in Deutschland (Freiburg i. B.) lehrende Professor 1974 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Der Unternehmer als „Entdecker“

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie betrachtet den Unternehmer als Träger des wirtschaftlichen Wandels. Er reagiert auf den externen Wandel, indem er zeitliche und räumliche Unterschiede von Angebot und Nachfrage ausfüllt durch Handel mit oder Erstellung von Produkten und Leistungen.

Damit unterscheidet sich die Österreichische Schule der Nationalökonomie von der sogenannten „Neoklassik“: In der Neoklassik tendieren Märkte immer zum Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Die Neoklassik kommt ohne Akteur aus: „In der Neoklassik wird der findige Unternehmer nicht gebraucht“ (Holl 2006: Wahrnehmung, menschliches Handel u. Intuition, 48).

Hayek hingegen sieht im Unternehmer einen Akteur, der immer wieder Information und Wissen sammelt und verwertet, um Gewinnmöglichkeiten zu identifizieren. So steht also der rationale Homo oeconomicus der Neoklassik der Homo agens – dem lernenden Unternehmer – als wesentliches Grundkonzept gegenüber. Entsprechend glaubt Hayek auch nicht an eine mathematisch-objektive Berechnung von Marktprozessen. Vielmehr ist der Markt selbst das „Entdeckungsverfahren“ (Hayek), das nicht prognostizier- oder berechenbare Muster hervorbringt. (vgl. dazu Holl 2006: Wahrnehmung, menschliches Handel u. Intuition, 53).

Der Markt wird bewegt durch den Unternehmer, der Risiken eingeht, in dem er auf der Basis seines Informationstands, Chancen identifiziert und Mittel ohne Sicherheit eines späteren Gewinns einsetzt, um diese zu nutzen. Es ist der Unternehmer, der unter Unsicherheit über Erträge und Bedarfe Innovation hervorbringt. Nicht der Markt gleicht abstrakt Angebot und Nachfrage aus, der Unternehmer schließt Koordinationslücken zwischen Anbieter und Nachfrager.

Menschen – nicht Abstraktionen – sind die Wirtschaft

Dieser unternehmenszentrierte Ansatz wurde von den sogenannten Neo-Austrians wie z. B. Israel Kirzner weitergeführt. Dieser betonte noch stärker als Hayek den Lernprozess des Unternehmers, in dem Gewinne auch als unbeabsichtigte Folge unternehmerischen Handelns, das auf andere Ziele ausgerichtet war, entstehen können (vgl. d. a. Loy 1988: Marktsystem und Gleichgewichtstendenz, 59).

Für das Leitbetriebe Institut sind sowohl Hayek als auch Kirzner Vordenker wegen ihrer Einordnung des Unternehmers als konstitutiver Bestandteil der Wirtschaftswissenschaften:

„Hayek ist gerade wegen der Einführung des „Unternehmers“ als Träger der wirtschaftlichen Entwicklung Begründer einer österreichischen Management-Lehre. Bei Hayek wird dem Unternehmer in der volkswirtschaftlichen Theorie erstmalig eine determinierende Rolle zugewiesen. Die Klassik und Neoklassik begnügen sich mit den anonymen Kräften von Angebot und Nachfrage, während die „(Neo-)Austrians“ Akteure und Märkte aus „Fleisch und Blut“ beschreiben und damit die Grundlage auch für die heutige Entrepreneurship-Forschung gelegt haben. Schließlich bewegen Menschen die Wirtschaft.“

(Peter Haric)

Peter Ferdinand Drucker (1909-2005)

Österr. Begründer der Management-Lehre – viele Konzepte wie „Management by Objectives“ gehen auf ihn zurück.

Peter Ferdinand Drucker wurde 1909 in Wien geboren. Nach Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte in Hamburg und Frankfurt arbeitetet er als Wirtschaftsjournalist in Frankfurt und – nach seiner Emigration – in London für die Financial Times.

Ab 1950 etablierte Drucker als erster Professor für Management in New York die Management-Lehre. Neben zahlreichen, bis heute grundlegenden Publikationen war er Berater u. a. von General Motors und Sears Roebuck und schrieb regelmäßig für das Wall Street Journal.

Begründer der Management-Lehre

Viele bis heute gültige Ansätze gehen direkt und indirekt auf seine Arbeit zurück u. a. das Konzept Management by Objectives (MBO), das Qualitätsmanagement-System Six Sigma sowie das Konzept Business-Reengineering.

Der Begründer der Management-Lehre, Peter Drucker sah die wesentlichen Aufgaben der Geschäftsführung im Beobachten, Entscheiden und Organisieren. Drucker sieht besonders in der Kommunikation des Managements den entscheidenden Hebel für „linking decision to actions“ (Drucker). Der erfolgreiche Unternehmer und Manager – so Drucker in Bezug auf Schumpeter – baue sein Wirken auf Information und Wissen, nicht auf Hierarchie und Regulierung auf. Die Informationsgesellschaft verstärke die erfolgsrelevante Wirkung dieser Hebel noch.

Für das Leitbetriebe Austria Institut ist Peter Drucker derjenige, der durch seinen journalistischen Stil Management als Praxeologie, als Lehre für die Praxis, etabliert:

„Mit Drucker wurde Management rausgehoben aus volkswirtschaftlicher Theorie und akademischer Esoterik wie Scientific Management etc. Druckers Zielgruppe ist das Management selbst. Seine Themen wurden dann insbesondere von Malik weiter verfeinert und weiterentwickelt.“

(Peter Haric)

Fredmund Malik (1944)

Österr. Wirtschaftswissenschaftler und Management-Berater – entwickelte u. a. die Ansätze von Drucker zu einer Methode für das Management komplexer Systeme weiter.

Fredmund Malik, 1944 in Vorarlberg geboren, promovierte und habilitierte in Betriebswirtschaftslehre. Malik hat insbesondere die Management-Lehre von Drucker auf eine systemtheoretische und kybernetische Basis gestellt und den zeitgemäßen Möglichkeiten angepasst hinsichtlich digitaler Modellierung, Darstellung und Strukturierung von Management-Prozessen und Unternehmen.

Management aus dem Cockpit

Malik, den Drucker als Weiter-Entwickler seiner Ansätze sieht, baut u. a. auch auf den Österreichern Karl Popper und Heinz von Förster sein Management-„Cockpit“ auf. Unternehmen sind komplexe Systeme, die mit Vorsicht zu steuern sind, damit sie nicht übersteuern. Andererseits gäbe es aber nur rund ein Dutzend wirklich entscheidungs- und erfolgsrelevanter Parameter.

Management ist erlernbares Handwerk

Management ist Handwerk und damit erlernbar. Man wird dazu weder geboren, noch braucht man charismatische Gaben. Management ist wie ein Handwerk erlernbar. Malik hat für den Management-Prozess eine simple Prozess-Struktur entwickelt und detailliert beschrieben:

„Die Bedeutung von Malik liegt insbesondere in der Übersetzung von Drucker in eine alltagspraktische Form. Malik bietet – ohne Komplexität zu verschweigen – eine angewandte Management-Lehre, die für alle Unternehmensgrößen relevant ist.“

(Peter Haric)